Berlin-Hohenschönhausen

Berlin-Hohenschönhausen

Zu Besuch in der Gedenkstätte für DDR-Häftlinge

Nicht nur schöne Erlebnisse hatten wir bei unserem diesjährigen Berlin-Besuch. Auch dieses Jahr wollten wir die Deutsche Geschichte etwas aufarbeiten und sahen uns die Strafvollzugsanstalt der DDR in Berlin-Hohenschönhausen an. Unsere Führung wurde geleitet durch Lutz Hildebrandt, der schon seit zehn Jahren die Besucher durch die Räumlichkeiten des Gefängnisses führt und viele Informationen bieten kann, die man sonst so nicht erfährt. Er wurde 1967 dabei erwischt, wie er ein Plakat der SED abriss und wurde dafür zunächst für zwei Jahre und sechs Monate Haft wegen "staatsgefährdender Hetze" und "Staatsverleumdung" angeklagt. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits wegen kritischer Meinungsäußerungen während seiner Schulzeit aufgefallen war, war er der SED schon länger ein Dorn im Auge.

In den fünfziger Jahren litten hier zahlreiche Menschen, die sich der kommunistischen Diktatur widersetzt hatten. Statt mit physischer Gewalt wurde den Häftlingen dort mit psychologischen Methoden zugesetzt. Zum Beispiel ließ man sie über den Ort ihrer Haft systematisch im Unklaren. Die Häftlinge wurden mit einem blickdichten Fahrzeug in einen hermetisch abgeriegelten Gebäudetrakt transportiert, damit sie sich keinen Fluchtplan erstellen konnten, denn sie wussten somit nie, wo sie sich befanden. Von der Außenwelt hermetisch abgeschnitten und von den Mitgefangenen meist streng isoliert, wurden sie durch gut ausgebildete Vernehmer oft monatelang verhört, um sie zu belastenden Aussagen zu bewegen. Hierbei wurden sie, nachdem die Einlieferung in den Gefängniskomplex vollzogen war, zuerst in einen Raum geführt und dort aller ihrer Kleidungsstücke entledigt.

Danach wurden sie gründlich untersucht und alle Körperöffnungen wurden kontrolliert! War diese entwürdigende Prozedur dann abgeschlossen, kamen sie zuerst in Einzelzellen, welche weder Bett, Stuhl noch Tisch besaßen. Hierbei kam es auch gelegentlich zu einer besonders abscheulichen Form des psychischen Terrors: die Häftlinge wurden in Zellen geführt, deren Boden fünf Zentimeter hoch mit Wasser bedeckt war. Es war ihnen also weder möglich sich auf einen trockenen Untergrund zu setzen, geschweige denn hinzulegen, ohne nass zu werden. Da die Gefangenen oft mehrere Tage in diesen Einlieferungszellen verbrachten, bedeutete dies, dass sie notgedrungen in kaltem abgestandenem Wasser schlafen mussten, in dem folglicherweise auch deren Absonderungen schwammen, da es noch nicht einmal eine Toilette gab! So sollten die Häftlinge mürbe gemacht und zu Geständnissen gezwungen werden.

Die gesamte Umgebung des Gefängnisses war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und in Stadtplänen nur verschleiert dargestellt. Es war daher nicht ersichtlich, was sich dort befand. Das Gefängnis lag zwar mitten in einem Wohngebiet. Allerdings wohnten hier ausschließlich regimetreue Personen ( meist Stasi-Offiziere). Waren die Häftlinge längere Zeit in einer Einzelzelle, wurden sie dann mit anderen "Zellgenossen" in Doppelzellen verbracht. Allerdings waren diese Genossen meist ausgebildetes Personal, das darin geschult war, Geheimnisse zu erfahren, nachdem zuvor ein Vertrauensverhältnis zu dem Haftinsassen aufgebaut wurde. Immer wieder wurde der Häftling gezielt destabilisiert und zersetzt. Zum Beispiel wurde er alle drei Minuten in der Nacht durch einschalten des Lichts geweckt, damit er nicht richtig schlafen konnte, oder es wurde immer wieder die Zimmertemperatur gewechselt. Diese Methoden machten die Gefangenen früher oder später mürbe. Und während man in den frühen Jahren noch zu körperlicher Gewalt gegen die Häftlinge neigte, konnten nach psychologischen Foltermartyrien später keine sichtbaren Verletzungen festgestellt werden. Dies war vor allen Dingen dann wichtig, wenn ein Häftling von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurde. Eine wichtige Einnahmenquelle der DDR. Etwa 100.000 Mark bekam die DDR für einen Häftling. Mehr als 33.000 politische Gefangene wurden so aus ihrer Haft befreit. 

Eine der schöneren Zellen, in der die Häftlinge oft mehrere Monate verbringen mussten.

 

Im "U-Boot" wurden in minimal ausgestatteten Zellen die Häftlinge gefoltert, ohne dass die Außenwelt jemals etwas davon erfuhr. Hier gibt es kaum Wasser zum Waschen, keine Haftkleidung, keine Zahnbürste, kein Toilettenpapier für die Kübel in den Zellen, die als Toilette dienen. Das Essen ist nur sehr schlecht und einige Gefangene mussten verhungern. Zwischen 1947 und 1951 waren ca. 25.000 Gefangene dort in Untersuchungshaft. Nach ihrer Verurteilung wurden sie dann in sowjetische Arbeitslager gebracht, wobei etwa ein Drittel ums Leben kam. Ab 1951 übergibt der sowjetische Geheimdienst den Sperrbezirk Hohenschönhausen dann der DDR-Regierung. Die Stasi führte dann die "Zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS" weiter.

Solltet Ihr mal in Berlin sein und keine Lust auf Tourie-Entertainment haben, dann nehmt Euch die drei Stunden und schaut Euch einen Teil der deutschen Geschichte an. Wer das gesehen hat, kann sich zumindest einmal ein Bild davon machen, wozu der Mensch in der Lage ist und was die Leute dort über sich ergehen lassen mussten, nur weil sie mit der Politik nicht einverstanden waren und dies auch noch vertraten!

Schön, dass wir heute in einer Demokratie leben, in der man immer frei und offen seine Meinung vertreten darf!!

 

25. April 2019

 

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