Ausgepfiffen

02.03.2016

Pfiffe im Stadion

Der Karlsruher SC spielt im Wildparkstadion. Einst waren das immer Tage, an denen ich schon morgens mit Kribbeln im Bauch aufgewacht bin und Stadionlieder singend zum Frühstück kam. Die Vorfreude auf ein Heimspiel konnte mir so schnell niemand kaputt machen. Denn ich wusste, es steht ein Tag voller Emotionen vor mir. Ein Tag, an dem ich lautstark meine Mannschaft unterstützen und auf jeden Fall alles dafür Mögliche tun werde, dass mein KSC gewinnt. Und so, wie ich mich an diesem Tag fühlte, ging es auch vielen anderen Besuchern des Stadions. Es war ein einzigartiges Wir-Gefühl, das sicherlich auch auf den Rasen und die Mannschaft übersprang und die Spieler dazu brachte, noch etwas mehr aus sich herauszuholen und so die entscheidenden Zweikämpfe zu gewinnen.

Leider ist das heute nicht mehr so. Denn schon viel zu oft musste ich erleben, wie die eigenen Zuschauer – die Menschen mit KSC-Schals um den Hals und Fahnen in der Hand, die Menschen, die sich Fans nennen und zu Hause KSC-Tassen und –Hausschuhe haben – ihre Mannschaft ausbuhen und auspfeifen. Und das nicht nur nach einem grottenschlechten Spiel, das man verloren und völlig desillusioniert verlässt, sondern bereits nach dem ersten Fehlpass, dem ersten verlorenen Zweikampf oder einem Rückpass, den der Spieler aus taktischen Gründen einfach machen muss. Es wird gepfiffen und gebuht, als hätten die Jungs in Blau-Weiß nicht das Fünkchen Unterstützung verdient.

Was ist los mit den Zuschauern? Warum pfeifen sie auf die Mannschaft, die sie eigentlich unterstützen sollten? Was versprechen sich diese Menschen davon, ihrem Unmut so schnell Gehör zu verschaffen? Diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Ärgert es mich doch jedes Mal, wenn ich im Wildparkstadion bin  so sehr, dass ich schon überlegte, gar nicht mehr hin zu gehen. Bei manchen Besuchern eines Heimspiels des KSC habe ich sogar schon den Eindruck bekommen, sie gehen nur in den Wildpark, um ihrem eigenen Unvermögen Luft zu verschaffen. Nach dem Motto: heute lass ich mal meinen Frust heraus und mache die Spieler fertig.

Beim letzten Spiel gegen Paderborn stand ich zuerst neben einer Gruppe junger Männer, die sich bei ihrer Konversation nur  darauf beschränkten über die Mannschaft, die Funktionäre und den Trainer zu lästern. Da wurde der Trainer als „der Dicke“ betitelt, welcher ganz offensichtlich absolut gar keine Ahnung von dem zu haben schien, was er machte. Kein Wunder, dass er sich bald ein anderes Beschäftigungsfeld sucht.

Vor ein paar Spieltagen war ein guter Bekannter mit dabei im Wildpark. Auch er war ständig am Meckern und Maulen. Für mich war es schier unerträglich und irgendwann platzte mir dann der Kragen. Ich schrie meinen Freund an: „wie oft hast du heute schon geklatscht? Hast du schon ein Lied mitgesungen, um die Mannschaft zu unterstützen? Ständig bist du nur am Meckern und Maulen! Du sagst, du seist ein KSC-Fan und  würdest den Verein lieben? Du bist kein KSC-Fan! Du bist ein Event-Zuschauer!!“ Anscheinend beeindruckt von meinem emotionalen Ausbruch wurde es um uns herum zuerst sehr still, doch dann klatschten ein paar Leute, viele andere schauten betrübt auf den Boden. Leider hielt die anschließende Unterstützung der Mannschaft von den umstehenden Personen im Block nur dieses eine Spiel an. Beim nächsten Heimspiel war das Gemotze dann wieder riesengroß.

Förderlich ist solch ein Verhalten seiner eigenen Mannschaft gegenüber sicherlich nicht. Ich vergleiche das immer wieder mit einem Lehrling, der neu im Betrieb ist. Ich habe die Möglichkeit, den jungen Menschen zu unterstützen. Ihm zu zeigen, was er falsch macht und ihn immer wieder zu motivieren. Oder ich kann ihn nach Strich und Faden fertig machen, dass er nach einer halben Stunde nicht mehr in der Lage ist, einen Stift in der Hand zu halten, aus lauter Angst, einen nächsten Fehler zu machen.

Auch Manuel Gulde, Abwehrspieler beim KSC, sieht das ähnlich. Beim letzten Heimspiel gegen Paderborn hatte auch er genug vom ewigen Gepfeife und Gemeckere und setzte zu einem Rundumschlag gegen diese vermeintlichen Fans an. Seiner Aufforderung, dass diese Hampelmänner doch zu Hause bleiben sollten, kommen sie sicherlich nicht nach. Denn diese Menschen kommen offensichtlich nur ins Stadion, um zu schimpfen. Was ich schon bemerkt habe: sobald sich der Zorn und Ärger der Zuschauer mehr auf den Schiedsrichter fokussiert, stehen auch die Mauler plötzlich mehr hinter der eigenen Mannschaft. Dann pfeifen sie gegen das Schiedsrichtergespann und lassen dort ihren Frust aus. Ein sicheres Indiz dafür, dass diese Menschen doch wohl eher ein Problem mit sich, als mit der Leistung der Mannschaft haben. Schade halt für den KSC und alle, die ein tollensFußballspiel sehen wollen.

 

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