Weihnachtshorror

28.12.2018

Bereits  vor zwei  Jahren waren wir beim Triberger Weihnachtszauber und wussten, dass Einiges los sein wird, auf dem beschaulichen Berg mit den eine Million Lichtern. Schön war´s damals! Wir bummelten damals durch die bunte Lichterwelt, holten uns einen Glühwein und setzten uns an eine der zahlreichen Feuerstellen, um uns aufzuwärmen. Natürlich waren schon vor zwei Jahren sehr viele Menschen unterwegs, um sich dieses Spektakel anzuschauen. Denn es wurden nicht nur Hütten, Bäume und Wasserfälle mit zahlreichen Lichtlein dekoriert, sondern auch mit einer tollen Feuershow an der Bergseite ein beschauliches Spektakel präsentiert, das jeden Fotobegeisterten aufgeregt seinen Auslöser betätigen ließ. Und schon damals waren jede Menge Fotofans unterwegs.

Dieses Jahr kamen wir wieder mit dem Zug an und ich muss sagen, dass diese Organisation hervorragend ist. Steigt man aus dem Zug aus, kommt man direkt zu einem der bereitstehenden Shuttlebusse, welche einen direkt in das Epizentrum der Weihnachtlichkeit befördert. Auch im Eingangsbereich läuft alles wie geschmiert, wenn man an einem der zahlreichen Kassenhäuschen sein Ticket erwerben möchte. Selbst beim Anlegen der Armbändchen, die man bekommt um jederzeit wieder auf das Gelände gelassen zu werden, wenn man einen der zahlreichen Außenbereiche besucht hat, steht ein Bediensteter bereit, um behilflich zu sein. Vorausgesetzt, man kommt frühzeitig. Denn mit Eintritt der Dunkelheit kommen auch die Besucherströme. Wie reibungslos dann der Ablauf ist, entzieht sich meiner Kentniss.

Die zwölf Euro Eintritt scheinen angemessen zu sein, für den Aufwand, welcher hier betrieben wurde und die zahlreichen Angestellten, die zur Sicherheit bereitstehen. Dass dem Geschehen mittlerweile auch schwerbewaffnete Polizeibeamte beiwohnen müssen, liegt mit Sicherheit auch nicht an den Veranstaltern und gab den Besuchern ein gewisses Gefühl an Sicherheit, soweit dies in der heutigen Zeit noch möglich sein sollte.

Als wir dann das Gelände betreten hatten, merkten wir schnell, dass hier diesmal etwas anders war! Zumindest war es nicht annähernd idyllisch und weihnachtlich, wie noch vor zwei Jahren. Offenbar wurden aus dem zunehmenden Zuschauerstrom der letzten Jahre Konsequenzen gezogen, die der Veranstaltung sehr geschadet haben. Ein Hinweisschild auf der Toilette ließ mich zum ersten Mal stutzig werden. So weist dieses Zeichen darauf hin, beim Verrichten der Notdurft nahe genug an die Keramik heranzutreten, um eine Verunreinigung des Bodens zu vermeiden. Ein Umstand, der eigentlich jedem Menschen, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, bekannt sein sollte und nicht noch ein entsprechendes Hinweisschild benötigt. Wie dem auch sei, dachte ich. Es wird sicherlich seine Gründe geben, dass dieses Schild hier hängt. Aber auch weitere Hinweisschilder in übermenschlicher Größe, welche den nächsten Notausgang anzeigten, fand ich eher zum Schmunzeln. Ein mit 2 mal 2 Meter großes Schild, welches die Bushaltestelle markierte brachte mich dann aber doch laut zum Lachen. Weiter ließ mich die Einbahnregelung für Fußgänger ab 18 Uhr aufmerksam werden. Da scheint es wohl noch voll zu werden.

Die einst idyllische Veranstaltung ist mittlerweile aber nicht nur aufgrund der überdimensionalen Beschilderung zum lächerlichen Event geworden. Eine wirklich sehr schlechte „Sängerin“ bot auf der Naturbühne ihre Weihnachtslieder dar, die ich so noch nie gehört hatte. Zuerst war ich der Auffassung, dass ich wohl zu Hause dem ganzen Weihnachtsstress bisher entfliehen konnte und nun einfach eine Reizüberflutung stattfand, doch in den Gesichtern vieler anderer Besucher konnte ich sehen, dass auch diese nicht mit der Darbietung dieser Frau konform gingen. Der eine oder andere tat dies denn auch mit Worten kund. Eine dermaßen schlechte musikalische Darbietung in solch einer Lautstärke war selbst mir als erfahrener Arbeiter im Lärmbereich zu viel. Und so suchten wir schnellstmöglich einen ruhigeren Ort auf, an welchem uns aber dann die Möglichkeit, etwas Nahrhaftes zu uns zu nehmen stark eingeschränkt wurde.  Doch zu allererst wollte ich nun jemanden der vielen Hilfskräfte, welche vor Ort waren, darauf ansprechen, dass man hier eventuell reagieren und die Lautstärke der Musikanlage etwas verringern sollte. So wurde ich zuerst an die Hauptkasse geschickt und von dort an eine weitere Person verwiesen, die meine Bitte, die Lautstärke zu vermindern zwar freundlich annahm, mir aber auch mit freundlichen Worten zu verstehen gab, dass „meine Beanstandung weitergeleitet wird“, weitere Aktionen aber nicht zu erwarten sind. Um mein Gemüt ein wenig zu beruhigen, begaben wir uns dann an einen Glühweinstand. Dort bekamen wir sehr schnell ein leckeres Getränk zubereitet, welches aber mit vier Euro doch schon recht teuer war. Aber man ist ja hier, um sich zu amüsieren… das hatte ich in dem ganzen Lärm schon fast vergessen.

Die netten jungen Damen am Glühweinstand schienen aber auch mit dieser musikalischen Darbietung nicht zufrieden zu sein, denn ab und zu, wenn die „Sängerin“ sich wieder stimmlich vergriff, verzerrten sich die Gesichter der Glühweinfräuleins synchron. Daher fragte ich vorsichtig nach, welch unentdeckte Stimmgewalt uns da erfreue. Sofort wurde ich darüber informiert, dass es sich bei der Gospel- und Soulsängerin um Rebecca Weisser handelt, welche wohl ihren Bühnenauftritt einzig und alleine dem Umstand zu verdanken hat, dass sie die Ehefrau des Organisators Thomas Weisser ist. Auch die Glühweinkocherinnen waren von ihrer Darbietung nicht angetan.

Es ist für mich nachvollziehbar, dass ein Organisator auf die sicherlich auch kostengünstigere Hilfe von nahen Verwandten zurückgreift. Dass man hier aber versucht Unvermögen mit Lautstärke zu kompensieren, finde ich sehr bedenklich und ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige war, der sich über dieses Geschreie mit 90 Dezibel beschwert hat. Wollte man bei dieser Veranstaltung ein Gespräch mit seinem Gegenüber führen, so musste man diesen Anbrüllen, um sich verständigen zu können. Ein Umstand, der weit vom eigentlichen Weihnachtsgedanken entfernt ist.

Der nachfolgende Gospelchor konnte uns dann auch nicht mehr überzeugen, noch länger an diesem Ort der Nichtstille zu bleiben. Es ist mir schon bewusst, dass bei einer Veranstaltung, welche von vielen hundert Menschen gleichzeitig besucht wird, keine kirchliche Ruhe erwartet werden kann, aber eine ordentliche Unterhaltung sollte man schon führen können, wenn man zum Weihnachtszauber geht. Auch ein erneutes Anstehen wie zwei Jahre zuvor für die spektakuläre Licht- und Feuershow wollten wir uns dieses Mal ersparen. Zwar ist es sehr sehenswert, was dort geboten wird, doch aufgrund des großen Andrangs verliert diese Veranstaltung schnell an Attraktivität. Entweder man wird gerade von jemandem angerempelt, der weiter gehen will – wobei man auf solchen Veranstaltungen nicht genug auf Taschendiebe achten kann, die einem mit einem solchen Rempler die Geldbörse aus der Tasche mopsen – oder man hat einen weiteren Fotobegeisterten vor sich stehen, der im guten Fall nur mit der Kamera, im schlechten Fall mit dem 19 Zoll Tablet der Versuchung nicht widerstehen kann, alles, aber wirklich alles abzulichten.

Weiter konnte ich jede Menge seltsamer Menschen sehen – ob ich wollte oder nicht. Leute, die am zweiten Weihnachtsfeiertag mit Jogginghose und / oder Gummistiefel bekleidet  sind. Daneben eine Frau die auf den ersten Blick zum Gospelchor gehörte, aber bei genauerem Hinsehen sich doch als Mitteleuropäerin herausstellte, welche nur zu oft im Solarium war. Hunde in Kinderwägen, geschoben von Handystarrenden Modepüppchen. Im Übrigen… sehr viele Handys, wovon nur sehr wenige zum Telefonieren verwendet wurden. Eine Frau sah ich, die sich ihre Jacke auf den Kopf legte, weil sie sie nicht tragen wollte. Und jede Menge Hunde mit Overalls und Blinkehalsbändchen. Gut, dass kein Wolf zugegen war. Hätte der gesehen, was aus seinen Nachkömmlingen geworden ist, hätte er sich vor Lachen nicht mehr beruhigt. Weiter trifft man dort viele Touristen, sehr viele! Von überall her. Japaner mit Fotoapparaten und Fotoapparate mit Japanern dran, Russen und Holländer und was weiß ich woher die Leute noch gekommen sind. Ich fragte mich, ob die nun wirklich zu diesem Spektakel so weit angereist waren, welches mir überhaupt kein Vergnügen bereitete.  Dann wäre es auch zu verstehen, warum es hier in einem er Zahlreichen Souvenirgeschäfte, welche an das Festgelände grenzen, die exklusivste Kuckucksuhr der Welt im Wert von 26.900 € gibt. Mit 617 Swarovski-Steinen und 24 Karat Blattgold. Ich persönlich würde mir ein solches Teil noch nicht einmal in den Keller hängen.

So wie ich auch diesem Megatouristenevent nicht erneut beiwohnen werde. Eher schaue ich einer Krähe beim Nüsse knacken zu. Das hat sicherlich mehr mit Weihnachten zu tun. Nichts für ungut, liebe Veranstalter des Weihnachtszaubers. Viele Menschen wollen sicherlich genau diese Art von Bespaßung und sind auch bereit, fünfzig Euro für Eintritt, Getränk und Currywurst da zu lassen. Dieser Artikel ist lediglich für die Leute, die sich sowas ersparen wollen.

Herzlichst,

Euer Sepp



















 

 

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