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:: Kehl am Rhein

 

 

Kehl am Rhein

Schöne Bilder, harte Worte.

(geschrieben im Oktober 2008)

Seit Februar 2003 lebe ich in Kehl. Mittlerweile sind fünfeinhalb Jahre verstrichen und ich kann sagen, dass ich dieser Stadt keine Träne nachweinen werde, wenn ich nun woanders hin ziehe.
Kurz vor der Jahrtausendwende machte Kehl bundesweit Schlagzeilen, weil der sogenannte „Frauenmörder“ innerhalb weniger Monate 4 Frauen tötete und eine schwer verletzte. Der Gerichtsprozess gegen den 30-jährigen Hauptverdächtigen ist zurzeit noch nicht abgeschlossen 
Im Dezember 2007 wird ein junger Mann vor der St. Nepomuk-Kirche zu tote geprügelt, wiel er nach einem Konzert im Kirchenkeller zur falschen Zeit am falschen Ort war.  Die Reaktion der Kehler Bürger war erschreckend. Zum Gedenkgottesdienst kamen nicht einmal hundert Trauernde und es bestand auch keine Bemühung, diesen gemeinen Totschlag weiter zu publizieren.
Am 1. Januar 2009 wird ein 58jähriger Kehler erstochen. Er hinterlässt zwei Töchter. Ein weiteres Gewaltverbrechen, das die Kleinstadt (34.000 Einwohner) nicht gerade sympathischer macht.
Im Bundesweiten Vergleich gilt Frankfurt mit 16.371 Straftaten auf 100.000 Einwohnern als unsicherste Stadt Deutschlands. Jedoch weist Kehl mit statistisch gerechneten 17.210 Straftaten auf 100.000 Einwohnern eine weitaus höhere Kriminalitätsrate auf!
 

Die Kneipen in Kehl

Als ich nach Kehl gezogen bin, startete ich mehrere Versuche, in einer Kneipe oder einer Disco mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Voller Zuversicht steuerte ich eines Abends eine kleine Kneipe mit dem Namen „Rockbistro“ an. Sollte wohl ein Verschnitt eines Hard-Rock-Cafés darstellen. Alles in allem recht gemütlich. Griffige Musik, Gitarren an den Wänden und ein Wirt, der als Mitglied der Gruppe ZZ-Top durchgehen würde. Ich setzte mich an die Theke, wo bereits ein Mann saß, der die 40-Jahre-Grenze schon sichtlich überschritten hatte. Nachdem ich mein Bier vom Wirt erhalten hatte und dieser sich daran machte, die anderen Gäste zu bedienen, startete ich einen Small-Talk-Versuch mit meinem Thekennachbarn. Nach einem „Hallo! Reichlich was los hier.“ Bekam ich nur die Antwort: „du bist aber nicht schwul und willst mich anmachen?“ Das hat mir dann auch schon gereicht. Ich trank mein Bier leer, bezahlte und ging.
Einen weiteren Versuch, die Leute hier ein wenig besser kennenzulernen, startete ich dann ein paar Wochen später. Nach der Spätschicht begab ich mich mit einem Arbeitskollegen in eine Kehler Disco. Die Musik war sehr ansprechend und wir tranken das eine oder andere Bier. Nach einer Weile musste mein Kollege nach Hause und ich beschloss, noch eine Weile zu bleiben. Nachdem ich mein Bier ausgetrunken hatte, machte auch ich mich auf den Weg nach Hause,  denn nennenswerte Bekanntschaften machte ich dort auch nicht mehr. Außer auf dem Parkplatz. Dort stand ein junges Pärchen bei meinem Auto und ich versuchte ihnen klar zu machen, dass ich jetzt gleich losfahren wolle und bittete sie, einen Schritt zur Seite zu gehen. Leider bekam ich als Antwort nur wüste Beleidigungen auf Französisch vom männlichen Teil dieses Paars. Und da ich die alle verstand, antwortete ich auf gleichem Niveau, was  zu einer Rangelei folgte, welche auf dem Boden endete. Die dazu geeilten Ordner trennten uns und verfrachteten mich in mein Auto mit der Bitte um Entschuldigung.  
Da ich mich von diesem Ereignis nicht aus der Bahn werfen lassen wollte, ging ich wenig später mit ein paar Kollegen in eine weitere Disco. Schon beim Betreten dieses Etablissements sprangen mir Plakate in kyrillischer Schrift ins Auge. Da ich aber ein aufgeschlossener Mensch bin – oder zumindest zu diesem Zeitpunkt noch war – machte ich mir nichts weiter daraus. Mit der Zeit stellte sich allerdings heraus, dass meine Kollegen und ich die Einzigen waren, die der deutschen Sprache mächtig waren. "Wie auch immer ", dachte ich und machte mich auf den Weg zur Theke, wo ein Plakat das Getränk „Smirnoff“ anbot, welches zu einem für eine Discothek erschwinglichen Preis von 4€ angeboten wurde. Also, beschloss ich, dieses Getränk käuflich zu erwerben. Allerdings erhielt ich nicht das Markengetränk, sondern eine billige Aldi-Variation, die im Einkauf höchstens 50 Cent gekostet hat.
Danach startete ich einen neuen, allerdings letzten Versuch, mich bei einem gemütlichen Bier mit Leuten von hier zu unterhalten. Mein Weg führte in ein Cocktailbar mit dem Namen „Rix“. An der dortigen Theke saßen immer im Abstand von zwei Barhockern vier oder fünf Männer. Keine Gespräche wurden geführt und jeder dieser Männer starrte dumpf in sein Weizenglas. Etwa ne dreiviertel Stunde habe ich dieses Spiel auch mitgemacht. Während dieser gesamten Zeit hat keiner auch nur ein Wort mit seinem Nebenmann gewechselt.
Mittlerweile überkamen mich die Selbstzweifel. Ich dachte, das könne doch nicht sein, dass hier alle Menschen derart verbohrt und engstirnig sind. Ich begann mich selbst zu hinterfragen. Vielleicht bin ich ja mittlerweile zu einem dermaßen unausstehlichen Arschloch mutiert, dass keiner mehr mit mir zu tun haben möchte, dachte ich.
Dies ließ mir keine Ruhe und ich beschloss, mal wieder in meiner alten Stammkneipe (der „Quetsch“ in Bühl/Baden) vorbeizuschauen. Als ich dort eintrat, stellte ich fest, dass ich keinen der dortigen Gäste kannte. Da ich schon seit über 6 Jahren nicht mehr dort war, allerdings auch nicht besonders verwunderlich. Also, setzte ich mich an die Theke und bestellte ein Getränk. Vorsorglich nahm ich eine Zeitschrift zur Hand, damit ich nicht erneut in den Verdacht gerate, billigen sexuellen Verlangen zu folgen. Als ich die Zeitschrift aufschlug, um darin zu lesen, fing mein Nachbar an mich über das dort abgebildete Thema „Kohlenmonixydausstoß von Kraftwerken“ zu befragen. Es entwickelte sich binnen weniger Minuten eine lebhafte Diskussion mehrerer Gasthausbesucher und ich war mittendrin. Ein Abend, den ich wohl nie vergessen werde und der mir sehr viel gebracht hat (nicht nur, weil seither mein Wissen über CO²-Ausstoß und wirtschaftlicher Vorteile von Kohlekraftwerken nachhaltig bereichert wurde).

 

Die Parkplatzsituation in Kehl

Kehl hat ein sehr großes Gelände, etwas außerhalb der City gelegen, welches zahlreiche, kostenpflichtige Parkplätze bietet. Innerhalb der City gibt es dagegen einige kostenfreie Parkplätze, die alle sehr schnell belegt sind. Nun ist aber das Problem so, dass jeder erst mal in die City fährt, um nach einem kostenfreien Parkplatz Ausschau zu halten. Dabei wird dann allerdings jeder freie Platz – auch wenn dort das Parken ausdrücklich verboten wird – mit Autos zugestellt wird. Eine (!) total überforderte Politesse habe ich schon ab und zu dabei gesehen, dass sie Tickets ausstellt, was aber das Parkverhalten der Besucher dieser Stadt auf keinster Weise ändert. Die Stadtverwaltung hat sich weiter dazu entschlossen, aufgrund der Nähe zu Frankreich, an französischen Feiertagen ALLE in der Innenstadt befindlichen Parkplätze kostenfrei anzubieten. Viele Franzosen sind zudem auch der Ansicht, dass eine eingeschaltete Warnblinkanlage sie zum Parken in Halteverbotszonen, Hofeinfahrten und Bushaltestellen legitimiert. Vor ca. einem Jahr konnte ich einmal mit verfolgen, wie mindestens 15 PKWs in einer Brandschutzzone parkten und ein Polizeibeamter diese registrierte. Es war gerade französischer Nationalfeiertag und ich suchte das Gespräch mit eben diesem Beamten. Auf meine Frag, ob diese Fahrzeuge nun abgeschleppt würden, antwortete dieser nur lapidar: „wenn ich die jetzt abschleppen lasse, stehen in einer viertel Stunde wieder 15 neue da“! Daraufhin fragte ich ihn, ob ich morgen dann auch mal mein Auto dort hin stellen könne und nur mit einem „Ticket“ rechnen müsse. „Morgen“, meinte er,“ wird hier jedes Fahrzeug wieder abgeschleppt“…

Eine Autofahrt durch Kehl
Ich habe einmal in einem Buch von Johannes Mario Simmel gelesen, dass die Franzosen die dümmsten Autofahrer der Welt seien. „So ein pauschalisierter Schwachsinn“, dachte ich. Bis ich nach Kehl zog. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, dass diese spezielle Spezies Menschen durch die Gegend fährt, als hätte sie einen Eimer Wasser auf dem Beifahrersitz stehen. Kreisverkehr wird mit 10 km/h bewältigt, an einer Ampel, die gerade grün wird, dauert es Minimum 5 Sekunden, bis endlich mal los gefahren wird und wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, sah ich mich schon des Öfteren genötigt, zum überholen anzusetzen.
Auswärtige Freunde, denen ich über diese Problematik erzählte, wollten mir anfangs nicht glauben, dass das Autofahren durch die Kehler Innenstadt leicht einen Nervenzusammenbruch des Fahrers zur Folge haben könnte. Aber nach einer viertelstündigen Fahrt durch die City hatte ich bisher jeden davon überzeugt, dass hier irgendetwas nicht stimmt.

 Im Frühjahr 2008 wurde ich Zeuge eines Unfalles mit Blechschaden, als eine Französische Auotfahrerin beim einparken ein anderes Fahrzeug touchierte. Zuerst schrammte sie mit ihrem PKW die Fahrerseite eines parkenden Autos beim einfahren in die Parklücke. Als sie das Mißgeschick registrierte, unterhielt sie sich kurz mit ihrer Beifahrerin und setzte zum rückwärtsfahren an, wobei sie erneut das bereits beschädigte Fahrzeug streifte. Wieder auf der Straße wollte sie weg fahren und es gelang mir gerade noch, sie anzuhalten und darüber zu informieren, dass sie dabei sei, Fahrerflucht zu begehen.

Zuerst täuschte sie vor, mich nicht zu verstehen und ich erklärte ihr, dass wir uns auch gerne auf einer anderen Sprache verständigen könnten. Daraufhin gab sie klein bei und stellte ihr Farhzeug ab. Ich fragte sie, ob sie Führerschein und Ausweis dabei habe, sodass wir eine Kopie machen könnten und den Fahrzeughalter des beschädigten Autos per schriftlicher Nachricht über dieses kleine Missgeschick informieren könnten. Sie verneinte aber meine Fragen und ich gab ihr zu verstehen, dass uns dann nur noch die Möglichkeit blieb, die Polizei zu verständigen. Also rief ich die Beamten zur Hilfe, welche allerdings eine längere Weile auf sich warten ließen. In dieser Zeit wurde die junge Frau sichtlich unruhig und mit fortlaufender Dauer fing sie an mich zu mit Fragen zu überhäufen. Warum ich mich eigentlich nicht raus halten würde und was mich das alles eigentlich anging, wollte sie wissen. Nachdem ich sie darüber informiert hatte, dass auch mein PKW schon des öfteren durch rücksichtlose Autofahrer beschädigt wurde und ich stets auf den Reperaturkosten sitzen geblieben wäre, kam endlich die Polizei und nahm die Personalien auf. Wie die Angelegenheit ausgegangen ist, kann ich leider nicht beschreiben, denn bis heute habe ich weder von der Verursacherin, dem Geschädigten noch von der Polizei jegliche Nachricht erhalten.

           Die Menschen in Kehl

 Ein weiteres gravierendes Ereignis erlebte ich im vergangenen Sommer. In der Kehler Fußgängerzone überquerte ein Radfahrer einen Zebrastreifen, worauf ein Autofahrer abbremsen musste. Es kam zu einem lautstarken Disput, da der Radfahrer sich nicht an die bestehenden Regeln hielt. Alles schön und gut, jedoch entschloss sich der Autofahrer dazu, sein Gefährt zu verlassen und die Diskussion ausufern zu lassen. Beide stritten sich vernehmbar auf Französisch und ein Wort ergab das Andere. Der Finale Höhepunkt war dann die Aussage des Autofahrers:“weißt du, was ich bin? Ich bin ein Moslem!“, welcher er mit einem Fausthieb in Richtung des Gesichts des Radfahrers Nachdruck verlieh.

Keiner der ca. 20 bis 30 Schaulustigen vermochte es, diesem Geschehen Einhalt zu gebieten und so sah ich mich veranlasst, einzuschreiten. Der Autofahrer machte sich von dannen und der Radfahrer blutete aus der Nase. Nachdem er sich beruhigt hatte, machte ich ihm den Vorschlag, den Täter anzuzeigen und stellte mich als Zeugen zur Verfügung. Bei der Polizei angekommen schilderten wir die Szenerie, worauf der zuständige Beamte meinte, dass die ganze Geschichte doch eh nur Probleme bringen würde und man eventuell von einer Anzeige absehen sollte. Erst, als ich ihm deutlich machte, dass ich mich gleich am darauffolgenden Tag beim Bürgermeisteramt über diesen Vorfall beschweren würde, ließ er sich dazu animieren, tätig zu werden

 
Wie auch immer.
Diese Stadt hat mich um einiges bereichert. Nämlich um die Einsicht, dass es manchmal sehr schmerzhaft sein kann, ständig nur an das Gute im Menschen zu glauben. Aber ich bin mir sicher, wenn ich noch ein paar Jahre länger hier leben müsste, würde ich mit der Zeit genauso abgestumpft und unsensiebel werden, wie die meisten hier. Und das möchte ich mit Sicherheit nicht.
Daher bleibt mir nur noch ein letzter Gruß: 
"Tschüß Kehl, du wirst mir nicht fehlen!!!"

 

 

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